Zizkablog’s Weblog


Im Stellwerk eine Erinnerung und Verbeugung an Kurt Weidemann
April 7, 2011, 11:36 pm
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Stuttgart ist weit, empfängt mich mit Worten wie Zuffenhausen, Sindelfingen, Stammheim und absurderweise mit einer geradezu mediteranen Farbstimmung. Auf dem Weg durch die Stadt drängt sich mir die Eingebung auf, vielleicht dran zu denken, dass ich neben meiner Wenigkeit ein zusätzliches Warenangebot feilbieten sollte, wenn ich mich schon mal im Stellwerk Weidemanns blicken lasse. Also rein in die urbane Zündflamme ausSparsamkeit und Spätzle-Exzess. In der Markthalle werde ich fündig, da fühlt sich der zwischen Weltbürgertum und Provinzialität angesiedelte Frankfurter heimisch. Leicht patiniert-rutschige Regalleichen zeugen von hohen Preisen, aber auch eigenständiger Qualität. Ich kaufe streng nach der Headbang-Regel – ein gutes Etikett enthält einen guten Rotwein – falsch, wie ich später herausfinde. Dann gehts weiter den Berg hinauf, höher und höher in Richtung Westbahnhof-Bahngleis und ausserhalb des Navigationshorizontes. Zwischen
einem dieser Mega-Radläden mit Ritzelkult und einer Tankstelle werde ich fündig.

Hier steht tatsächlich das Stellwerk und zwar genau so wie man es sich vorstellt. Genau so – bis auf den monumentalen Sonnenkollektor, der Weidemanns gestalterisch und energetisch autarkes Dasein unterstreicht. Die Mannschaft sitzt mit dem Rücken an zwei Sperrmüllcontainer gepresst in einer Gartenlaube, die schon bessere Tage gesehen hat, aber den Nimbus der Authentizität ausstrahlt. Danach gehts wegen der Kälte rein ins Haus. Unten eine glücklicherweise belebte Küchenwerkbank von unseren aseptischen Bulthaup-freunden, aber schnell wird klar: hier herrscht trotzdem keine gestalterische Rollkragenpulli-Askese, eher ein hochindividuelles Wohnmodell jenseits von Perfektion und das in Zeiten, in denen die Schuppen auf den Schultern des schwarzen Anzugs schnell zum Mobbing zwischen Xpress und Indesign führen. Oben sitzen wir dann am Wortschnitzer-Kurt-Arbeitstisch. Überall Bücher, aber auch viele Dinge, die mir nur im Rahmen dieser Mann-mit-Hut-Collage zugänglich sind. Die eiernde Wurlitzer mit Basslautsprechern, deren Gummisicken wahrscheinlich schon mumifiziert sind, die weiße Porzellan-Zapfanlage mit dem offensichtlich extrem wichtigen Bier (8,5%), eine Wanduhr mit manifester Zeitanzeige, ein Lauflicht mit Designanspruch, eine Pfeifensammlung wievom Lehrer Lämpel und ein für uns paar Leute extrem großer Topf Geisberger Marsch bilden eine gestalterische Plattentektonik, deren visuelle Erdbeben meine Industriehof-Konsensfähigkeit aufs Schwerste belasten. Mir wird klar, dass der Versuch, mit einem guten Rotwein zu brillieren fast so wichtig ist wie der kleine Fleck auf meiner Schuhsohle.

Kurt Weidemann führt von Beginn an die Rede und scheut keine Ausflüge in geschichtliche Zusammenhänge, die vielen gestressten Solarienbenutzern aus dem Reich transparenter Desktopfenster und Architektur-Glas-Kartons sicher suspekt wären. Hier wird neben Gestaltungsfragen über die These räsoniert, ob Grafiker gute Schützen sind oder direkt über die Bewältigung der deutschen Geschichte aus vielerlei Perspektiven, auch seiner eigenen als Soldat, gesprochen. Im Kopf werden meine Grenzsteine zwischen Irritation, Ärger und Respekt permanent hin und hergerückt. Die Frage nach dauerhafter
Loyalität ist, wie ich finde, dabei ein zentraler Ausgangspunkt im Denken Weidemanns. Sie ist eine Art Mantelkonvektion, an deren Überdruckventilen dann seine Kreativität aufblüht – eine These, die im Nirvana moderner Cabrio- Selbstverliebtheit keinen Platz mehr findet. Die Frage nach beruflicher und kreativer Opportunität wird nicht ausgelassen. In diesem Zusammenhang definiert sich Weidemann als Gegner allzu devoter Arschkriecherei. Das Vexierschild „Freiheit aushalten!“, das an der Wand hängt, spricht Bände.

Das Küchenkabinett (der Typografie-Recke Leu hat den Namen gestiftet) ist hier beim Nachkriegs-Gestalter-Supremum gut angesiedelt, ist es doch auf der einen Seite ein archaisches Kennenlernkonzept, auf der anderen ein authentisches Diskurs-Erlebniss wie sonst nur im Kreis von Freunden. Dabei hat das Profane ebenso seinen Platz
wie fachspezifische Scharmützel. Eine echte Basis für vernetztes Denken imSinne eines wirklichen Kontaktes und fernab des sich in die Brustwerfens mit Schmalzlocke und Einsamkeitsgarantie. Die Fick-mich-Glitter-Golden Girls-Positionierung aus der Max änlässlich des ADC-Riesen-Spektakels mit wichtigen Sätzen wie: ‘Ja, ich mache Pilates’ oder ‘Ich suche eine nette
Person die kein Arschloch ist’, ist ein Beispiel für diese neue Einsamkeit und eines mit dem sich die Integrität von Teilen der Werbewelt die patriarchalische Keule gibt. Bei Kurt wird zwar auf Scheiben und Gitterrosten auf dem Kopf des anderen getanzt, aber die Damen haben eben auch Hosen an. Kurt Weidemann ist und bleibt ein sehr eigenwilliger Kommunikationsspezialist, der nicht leicht einzuordnen ist und ich denke, er hat es gerade dadurch zu
geschichtsträchtiger Bedeutung gebracht.

So erlebt 2007 – jetzt ist Kurt mit 88, am 30.03.2011 aus der Welt gegangen aber in unseren Köpfen geblieben als eine art typografische Prägung im lorenzschen Graugans-sinn, aber auch als beispielhaft integerer Charakter, wie ihn unsere Gestalterwelt nur selten hervorbringt – wir werden Ihn vermissen.



Petshop vs
April 6, 2011, 10:26 am
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Auch wenn es die meisten schon kennen – Banksy´s Petshop ist nochmal eine kleine Erinnerung wert. Zwischen Jacke und Hotdog drängt sich die Erinnerung an viele der eigenen instrumentalisierten Meerschweinchen und Wellensittiche auf. Auch die seltsame Stimmung zwischen Zoo, Schwimmbad und Supermarkt und die zwischen Fischfutter und Heu changierende Melange für den Riechkolben, die den Zoohandlungen so zu eigen ist, wird wieder fühlbar. Das Kunst in einer solchen klimatischen Verirrung existieren kann und mit geballter Hotdog-Irritation den Konvektomaten im Hirn antreibt, das ist schon grosses Kunst-tennis und hat deutlich mehr Wucht als die elitär-sakrale Selbstkasteiungsszene manch einer hochpreisigen Kunstvertickerstation.



Japan mal ohne Gau aber mit Singlespeed
April 1, 2011, 9:26 pm
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Die Bilder der letzten Zeit nach der japanischen Katastrophe dominieren alles im Kopf. Über die strahlend neue Welt wird ausserdem nonstop geredet und das kolossale Versagen der Tokyo Electric Power Company lässt eine fassungslos ins leere Treten. Das Keirin hier im Video zeigt ein anderes Japan mit atomlosenergie beim Pedalieren. Irgendwie kompetitiv und dann wieder im Singlespeed-Modus entschleunigt noch ohne Fukushima-Traumatisierung. Trotz Oberschenkelwahnsinns ist die Typografie und Farbauswahl auf Helm und Trikot perfekt und geradezu virtuos, die Proportionen des Fahrers in Relation zum fragilen, bremsenlosen bike wiederum grotesk – klasse.



Einmal Vortrag und zurück im Kunstmuseum Stuttgart
März 31, 2011, 4:26 pm
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Warum ich nun ausgerechnet zur Kunst der Minimierung etwas im Kunstmuseum Stuttgart sagen darf, mit opulent rotem Unseriös-Sakko und gestreiften Rally- Hemd kann jeder selbst entscheiden, wichtig ist jedoch das ich zwischen der Traumatisierung als Messdiener und Monumental-Biffar-Haustürbenutzer, dem Fetischisieren der John Player schwarz goldenen Typografie und der Erkenntnis das in Amerika die Small-Arms-Dreingabe den Truckkauf sicherer macht, changieren darf -das ganze in 19 Minuten.



Dezember 14, 2009, 1:43 pm
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Türen zur grossen weiten Welt

Die Reihenhaussiedlung bietet jedmögliche Option, sich im Zentrum des Malstroms  festzusetzen ohne zu bemerken, dass sich aussenherum alles dreht. die sicherste version ist einzuheiraten und anzubauen. zumindest umzubauen.
Und um alle Vorurteile auszuspielen wird man Mitglied im was-auch-immer-ortsverein oder dem Roten Kreuz



Wettbewerb unter den Rädern teil1
Juni 29, 2009, 6:51 pm
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Perfektionistische Stadtarchitekturen, die sich in die Höhe recken und
adrenalingeladene Mitdreissiger, die dynamisch ihre Leasingverträge auf vier
Rädern bewegen, verlangen nach Sicherheit im Strassenverkehr. Ich selbst werfe
mich jeden Tag ins Getümmel – mit 10 Kilo Hitec unter dem Allerwertesten und mit
Helm, Brustpanzer und Brille bewaffnet. Wenn ich die Rüstung beim Betreten
meines Dienstleistungstempels abwerfe, fällt der Blick sofort auf eine meiner
kleinen Schwächen – 25 „Ultimate Stands“ mit mehr oder weniger sammelwerten
Memorabilien der Fahrradentwicklung. Mit dem Bycicletta ist es so eine Sache:
auf der einen Seite ökologisch-technoides Vorzeigetool, auf der anderen ein
Synonym für den selbstverzehrenden Willen immer der Erste zu sein. Uns allen ist
in den letzten Jahren nicht verborgen geblieben, dass gerade im Kontext dieses
Fortbewegungsinstrumentes der Wettbewerb um Leistungswachstum Formen angenommen
hat, die an Absurdität nicht zu überbieten sind. Blutwechsel, Urinwechsel,
Spritzen bis zum Selbstmord.



Konglomeratbeutel statt Hasenpfote
Juni 30, 2008, 1:06 pm
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Mein Kartenmessie-Syndrom mit idealen Kredit-Kunststoff-Spachteln zur Nivellierung sozialer Unzulänglichkeiten in bunter Vielfalt, gruppiert zu einem fettleibigen Konglomeratbeutel in der Hosentasche. Ein alltäglicher PZ Ballast, der als Omnipotenzrolle gewickelt, hin und wieder phallische Männerphantasien generiert und finanziert. Andererseits ein Tagebuch der Ausgaben und Einnahmen beim Konsummarathon durch ein buntes Schaufenster-Verdun. Habe ich den Frieden mit mir gemacht und das im Handstreich genommene Waren-Douaumont in der Plastiktüte, bleibt immer noch Zeit für den entschleunigten Blick ins private Glück.



Big Fat SUV Funeral
Juni 6, 2008, 9:38 am
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Schön zu hören das die Epoche vorbei ist, in der sich beschwingte, mit ChanelGucci-Orden behängte Damen mit großformatigen Kästen durch die Strasse wälzten um mit dem Gefühl absoluter Sicherheit gesegnet die Kinder bis vor das Schultor fahren zu können. Die pompösen Schluckspechte, mit teils abenteuerlichen Cow- und Kleinkinderfänger- Designexzessen versehen und in der gesellschaftlichen Reputation an der Spitze der Einer-Kam-Durch-Eisberges fahrend, sterben den Infarkt des Öl-Förderpeaks. Trotzdem; rein in die Museen mit dem Hummer H3s, Cayennes, Escalades und Range Rovers als Beispiel eines Prosperitätsglaubens an die mannigfaltigen Vergrösserungsoptionen des Egos. Die herumlaufenden Körper-offroad Holperpisten aus Sixpacks, Doppeldoppeldoppel-D-Implantaten, Fahrradschlauch-Lächeln und Hormon-Brustschildern sind die einzigen echten Anforderungen an die Four Wheel drive und Federwegskultur. Irgendwann ist eben die Luft draussen.



Transparenz bis zur Selbstaufgabe
Juni 3, 2008, 4:22 pm
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„Hasta la vista, Baby!“ Ein Gruß, der sich aufdrängt angesichts eines neuen intelbasierten Computainments, das mit Effekten um sich wirft, aber auch Spyware attraktiv verpackt – eine Art Pamela-Anderson-Daten-Blockwart mit National-Security-Agency-Sticker unter dem OpenGL-Revers. Trotz aller Faszination an der neuen Aero-Welt sei es erlaubt zu fragen, ob man es bei Vista mit einer Benutzer-Oberfläche oder einer Ich-bin-Benutzter-Oberfläche zu tun hat. Die nun auch im „Glass Modus“ verwendbaren Transparenzen sind schön anzusehen, haben vielleicht auch funktionale Vorteile, doch könnte man sie auch als visuelle Vorboten des Datenstriptease in der Netzstrumpfhose www empfinden. Dabei ist das schönste Bit-Zuhause doch nach wie vor nicht in Redmond, dem Firmensitz von Micro-soft, sondern im individualisierten Desktop. Das, was die tollen Dekorsätze und Spoiler vom Baumarkt beim Auto nur rudimentär erlauben, funktioniert bei Vista perfekt. Das Prinzip des „Pimp my Desktop“ ist, verbunden mit der Dreidimensionalisierung der Be-nutzeroberfläche, die ultimative Hilfe, um vor den formalen Grausamkeiten der Rechner und Monitorgehäuse in eine private 72dpi-Scheinwelt zu fliehen. Die Vitrine mit den wichtigen Staubfängern zu Hause kann man sich eben auch getrost virtuell einrichten, und die Fototapete für das Wohnzimmer ist auch kein Problem mehr. Aufklappende Ordner, in denen schon Inhalte als Thumbnails zu sehen sind, und das Durchschimmern der selbstgewählten Impressionen aus Natur und Familie, geben einem fast immer das wohlige Gefühl, nicht außerhalb der realen Welt zu stehen. Vista ist das gelungene Beispiel einer neuen Oberflächlichkeit, bei der der visuelle Unterhaltungsaspekt im Vordergrund steht. Da ist es müßig, eine Diskussion darum zu führen, ob hier eine Apple-Imitation vorliegt oder nicht. Es geht bei beiden Betriebssystemen um die Affirmation eines neuen virtuellen Lebensmittelpunkts im Rechner. Sicherlich kommt das vielen Usern entgegen, doch ist es beim genaueren Hinsehen eben auch sehr gefällig; irgendwie ein breiter, opportunistisch illustrierter Kompromiss, der sich dem Verdacht aussetzen muss, keine innovativen Thesen zu formulieren oder gar zu initiieren – nein, sogar umgekehrt: Vistas visueller Zuckerguss versüßt den Fatalismus-Spezialisten in den Dienstleistungsetagen mit „Parachute Drop Ability“ die allgegenwärtige gesellschaftliche Kontrolle.



Opportunismus im Pitchuniversum
Mai 15, 2008, 12:58 pm
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Die Wertschätzung von Design ist in finanziellen Regionen angekommen, in denen ein Rohrreinigungsservice oder ein Schlüsseldienst dankend ablehnen würden. Vielleicht sollten wir umschulen und Vogelstimmenimmitatoren werden, das liegt im Return-on-invest-Ranking der freien Berufe bestimmt ein paar Plätze über uns Designern. Die Großmeister unserer Zunft müssen sich fühlen wie ein vom Design-Dumping-Phantom-Punch getroffener Gafik-Liston.
Wir jedenfalls haben uns diesen Stealth-Modus im Wertesystem des Dienstleistungsgewerbes selbst zuzuschreiben. Als kompetitiv geprägte Gleitcremedosen sind wir immer noch versucht, beim potentiellen Kunden möglichst widerstandslos durchzurutschen – koste es so wenig wie es wolle. Selbst die fulminant besetzte „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur“ glaubte unlängst daran, dass ein unbezahlter Gesamtauftritt-Pitch von 15 Agenturen, die auf Basis unserer szeneeigenen, selbstreferentiellen Rankings abgezählt angeschrieben wurden, das normale Verfahren zur Selbstfindung sei. Alarmstufe Rot also – wenn wir nicht als Fossilien aus dem Kreativ-Mesozoikum enden und den Finanznagern zum Opfer fallen wollen, die wir mit Spardopamin-Kraftfutter wie „Geiz ist geil“ selbst gemästet haben, ist eine kollektive Verweigerung angebracht und ein Ranking der unsolidarischsten Discounter unter den Auftraggebern und Auftragnehmern im Gestaltungsbereich von nöten. Der DDC- oder gar ADC-Epaulettenentzug ist bei der Entdeckung von Penetrationspreisen selbstredent. Vielleicht gibt es ja bald ein ganz neues, hochbezahltes Berufsbild: den Gestaltungs-Opportunismus-Exorzisten.




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