Zizkablog’s Weblog


Designreaktor in Berlin – auf dem Podium
April 24, 2008, 10:40
Gespeichert unter: Designplaudertasche

Das Gebäude ist alt gross und manifest wie Wassili Alexejews 600kg Superhantel und auch im Innern eröffnet sich hinter der gepanzerten Pförtnerloge die typische schwergewichtige Fusions-Atmosphäre aus Linoleum-/Menschen-/Farbgeruch die eine Universität der Künste ausmacht. Ich reagiere sofort mit dem Pawlowschen-Respekt und das Selbstvertrauen hängt auf Augenhöhe mit der Hose des vor mir laufenden Skater-Style-Studierenden. Zur kontaktaufnahme kriecht der geriatrische Zeitlupen-Aufzug zu Heines Büro empor das nach dem Sesam-öffne-dich den Odem einer kompetenten, selbstgewählten Askese ausströmt. Ich weiss plötzlich wieder was ich als Thema für den Workshop gewählt habe – Abschottungsprothetik leicht gemacht. Die Didaktik-Mitstreiter in der Workshoparena treten auf – die Gladiatoren der Lehre, mit und ohne Titel. Nach kurzer Eingewöhnungszeit unter der Rotunde aus KMU Produktimpressionen geht es in den Ring. Erste Runde – eine Podiumsdiskussion mit Dr. Nicole Busch, die ausgesprochen telegen agiert und aus dem Trendbüro entsprungen ist, Franziska Schreiber eine Modeprinzessin – leider ohne Absätze, Ronen Kardushin ein Meister des intendierten Ausgleichs, Andreas Mühlenberend ein Kenner der formalen Askese und ff-Kernschmelzer vieler Zigaretten, Joachim Schirrmacher Ladenbummelspezialist aus der Gesellschafts und Wirtschaftskommunikation und meine Wenigkeit Industriehofabkömmling und Meister des verlorenen Fingernagels. Wir alle diskutieren zum Thema Accessior. 

Aktives Kuscheln auf dem Podium als Steifteddy ist, wie ich finde, für die Studenten wie Chloralhydrat aus der Flasche und deshalb wird gleich mal eine kleine kommunikative Coulombkraft durch eine freche Zizka-Behauptung gezündet die jedem Intellektuellen wahrscheinlich die Schamesröte ins Gesicht treibt – nämlich das das Accessior eines der letzten verbliebenen Tools der Aufklärung sei, etwa wie der doppelte Ralleystreifen auf dem BMW 2002. Diese Vermessenheit erzeugt deutlich sichtbare Schmerzen auf den Gesichtern selbst bei Frau Dr. Busch mit lastwagengrossen Glitzer-Konglomerat-Ring am Finger oder bei Mühlenberend dessen Mimik wirkt als würde ich den Cilice fester anziehen. Es kommt schließlich ein wenig Schwung in die Sprechblasen-Mengenlehre und auch die danach entstehende Diskussion über die Relevanz von Accessior-Marken für die Positionierung des Individuums oder die Frage ob ein Accessior auch eine private Komponente hat, stossen wie ein kleiner Maxwellscher Dämon ungeahnte Türen zwischen Langsam- und Schnelldenkern auf. Sogar die Studentenschaft erregt sich vereinzelt und zeigt Kommunikationskinetik. Vor der Kernschmelze bremst der Moderator Schirrmacher ohne Graphit und schweres Wasser die Kernspaltung und wir treten geschlossen ab, auch nachträgliche Schulterschlussfusionen sind noch ohne Probleme möglich und ich fühle erste aufkeimende Hoffnung für den folgenden Tag. FNP-Axel der geschätze professorale Steuerstab des Reaktors ist glaube ich auch zufrieden mit dem Ausgang. 


2 Kommentare bis jetzt
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Also das mit dem lastwagengrossen Glitzer-Konglomerat-Ring gefällt mir gut, erinnert mich an meine seelige Großmutter, ein wenig skurril die Eindrücke aber doch unterhaltsam zu lesen, mal sehen was noch kommt.

Kommentar von weidemannfan

Tja, Peter, flotter Stil und quasianarchische Fabulistik. Gefällt mir. Und irgendwie kann ich mir das beschriebene akademische Ambiente, stein- wie fleischgeworden, sehr plastisch vorstellen *grins* Also bitte weiter so!

mit bloggenden DUESENgrüßen (Roland)

Kommentar von Roland




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