Stuttgart ist weit, empfängt mich mit Worten wie Zuffenhausen, Sindelfingen, Stammheim und absurderweise mit einer geradezu mediteranen Farbstimmung. Auf dem Weg durch die Stadt drängt sich mir die Eingebung auf, vielleicht dran zu denken, dass ich neben meiner Wenigkeit ein zusätzliches Warenangebot feilbieten sollte, wenn ich mich schon mal im Stellwerk Weidemanns blicken lasse. Also rein in die urbane Zündflamme ausSparsamkeit und Spätzle-Exzess. In der Markthalle werde ich fündig, da fühlt sich der zwischen Weltbürgertum und Provinzialität angesiedelte Frankfurter heimisch. Leicht patiniert-rutschige Regalleichen zeugen von hohen Preisen, aber auch eigenständiger Qualität. Ich kaufe streng nach der Headbang-Regel – ein gutes Etikett enthält einen guten Rotwein – falsch, wie ich später herausfinde. Dann gehts weiter den Berg hinauf, höher und höher in Richtung Westbahnhof-Bahngleis und ausserhalb des Navigationshorizontes. Zwischen
einem dieser Mega-Radläden mit Ritzelkult und einer Tankstelle werde ich fündig.
Hier steht tatsächlich das Stellwerk und zwar genau so wie man es sich vorstellt. Genau so – bis auf den monumentalen Sonnenkollektor, der Weidemanns gestalterisch und energetisch autarkes Dasein unterstreicht. Die Mannschaft sitzt mit dem Rücken an zwei Sperrmüllcontainer gepresst in einer Gartenlaube, die schon bessere Tage gesehen hat, aber den Nimbus der Authentizität ausstrahlt. Danach gehts wegen der Kälte rein ins Haus. Unten eine glücklicherweise belebte Küchenwerkbank von unseren aseptischen Bulthaup-freunden, aber schnell wird klar: hier herrscht trotzdem keine gestalterische Rollkragenpulli-Askese, eher ein hochindividuelles Wohnmodell jenseits von Perfektion und das in Zeiten, in denen die Schuppen auf den Schultern des schwarzen Anzugs schnell zum Mobbing zwischen Xpress und Indesign führen. Oben sitzen wir dann am Wortschnitzer-Kurt-Arbeitstisch. Überall Bücher, aber auch viele Dinge, die mir nur im Rahmen dieser Mann-mit-Hut-Collage zugänglich sind. Die eiernde Wurlitzer mit Basslautsprechern, deren Gummisicken wahrscheinlich schon mumifiziert sind, die weiße Porzellan-Zapfanlage mit dem offensichtlich extrem wichtigen Bier (8,5%), eine Wanduhr mit manifester Zeitanzeige, ein Lauflicht mit Designanspruch, eine Pfeifensammlung wievom Lehrer Lämpel und ein für uns paar Leute extrem großer Topf Geisberger Marsch bilden eine gestalterische Plattentektonik, deren visuelle Erdbeben meine Industriehof-Konsensfähigkeit aufs Schwerste belasten. Mir wird klar, dass der Versuch, mit einem guten Rotwein zu brillieren fast so wichtig ist wie der kleine Fleck auf meiner Schuhsohle.
Kurt Weidemann führt von Beginn an die Rede und scheut keine Ausflüge in geschichtliche Zusammenhänge, die vielen gestressten Solarienbenutzern aus dem Reich transparenter Desktopfenster und Architektur-Glas-Kartons sicher suspekt wären. Hier wird neben Gestaltungsfragen über die These räsoniert, ob Grafiker gute Schützen sind oder direkt über die Bewältigung der deutschen Geschichte aus vielerlei Perspektiven, auch seiner eigenen als Soldat, gesprochen. Im Kopf werden meine Grenzsteine zwischen Irritation, Ärger und Respekt permanent hin und hergerückt. Die Frage nach dauerhafter
Loyalität ist, wie ich finde, dabei ein zentraler Ausgangspunkt im Denken Weidemanns. Sie ist eine Art Mantelkonvektion, an deren Überdruckventilen dann seine Kreativität aufblüht – eine These, die im Nirvana moderner Cabrio- Selbstverliebtheit keinen Platz mehr findet. Die Frage nach beruflicher und kreativer Opportunität wird nicht ausgelassen. In diesem Zusammenhang definiert sich Weidemann als Gegner allzu devoter Arschkriecherei. Das Vexierschild „Freiheit aushalten!“, das an der Wand hängt, spricht Bände.
Das Küchenkabinett (der Typografie-Recke Leu hat den Namen gestiftet) ist hier beim Nachkriegs-Gestalter-Supremum gut angesiedelt, ist es doch auf der einen Seite ein archaisches Kennenlernkonzept, auf der anderen ein authentisches Diskurs-Erlebniss wie sonst nur im Kreis von Freunden. Dabei hat das Profane ebenso seinen Platz
wie fachspezifische Scharmützel. Eine echte Basis für vernetztes Denken imSinne eines wirklichen Kontaktes und fernab des sich in die Brustwerfens mit Schmalzlocke und Einsamkeitsgarantie. Die Fick-mich-Glitter-Golden Girls-Positionierung aus der Max änlässlich des ADC-Riesen-Spektakels mit wichtigen Sätzen wie: ‘Ja, ich mache Pilates’ oder ‘Ich suche eine nette
Person die kein Arschloch ist’, ist ein Beispiel für diese neue Einsamkeit und eines mit dem sich die Integrität von Teilen der Werbewelt die patriarchalische Keule gibt. Bei Kurt wird zwar auf Scheiben und Gitterrosten auf dem Kopf des anderen getanzt, aber die Damen haben eben auch Hosen an. Kurt Weidemann ist und bleibt ein sehr eigenwilliger Kommunikationsspezialist, der nicht leicht einzuordnen ist und ich denke, er hat es gerade dadurch zu
geschichtsträchtiger Bedeutung gebracht.
So erlebt 2007 – jetzt ist Kurt mit 88, am 30.03.2011 aus der Welt gegangen aber in unseren Köpfen geblieben als eine art typografische Prägung im lorenzschen Graugans-sinn, aber auch als beispielhaft integerer Charakter, wie ihn unsere Gestalterwelt nur selten hervorbringt – wir werden Ihn vermissen.
Hinterlasse einen Kommentar bis jetzt
Hinterlasse einen Kommentar